Warum wir keine Investoren wollen
Und Du vielleicht auch nicht

Wir werden immer wieder mal gefragt, warum wir bei Friendly als Tech-Startup keine Investoren wollen. Es ist nicht so, dass wir noch keine Angebote bekommen hätten. Aber wir haben alle bisherigen Angebote abgelehnt und werden das auch zukünftig tun. Aus guten Gründen:

Investoren erhöhen Risiko des Scheiterns

Viele Leute denken, dass Investoren die Chance auf langfristigen Erfolg erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist ein Glücksspiel, bei dem nur die wenigsten Startups gewinnen. Die meisten gehen gerade wegen ihrer erhaltenen Investments Konkurs. Doch warum ist das so?

An outside business investment usually means you’re “setting a time-frame on your existence”.

Jason Fried, Basecamp

Investoren wollen einen möglichst hohen Return für ihr Investment. Das ist in der Regel nur auf zwei Arten möglich:

  • Das Startup, in das sie investiert haben, macht einen erfolgreichen «Exit», wird also zu einem hohen Preis an ein anderes Unternehmen verkauft (selten)
  • Das Startup geht an die Börse und Alt-Investoren können ihre Anteile mit Gewinn verkaufen (super selten)

Das Problem dabei ist: beide Varianten erfordern ein immens schnelles Wachstum, und das ist meist nur mit sehr viel Kapital möglich.

Es braucht dafür nicht eine, sondern oft bis zu sechs (oder mehr) Investitions-Runden, im Jargon «Series A» bis «Series E» genannt. Und in jeder dieser Kapitalerhöhungs-Runden gehen viele Startups Konkurs, weil sie nicht genug neue Investoren finden, die bereit sind, zu einer noch höheren Bewertung weiteres Kapital dazuzuschiessen.

Von allen Startups, die eine erste Investitionsrunde gemacht haben («Seed Round» genannt»), schaffen es laut einer Studie von CBS Insights (2018) nur 3% aller Startups, eine sechste Kapitalrunde («Series E») zu erhalten. 1% der Startups wurde zu einem Unicorn (= Bewertung ĂĽber USD 1 Mia.). 10% der Startups erreichten einen Exit (114 von 1’1119).

Quelle

Diese Zahl deckt sich mit anderen Studien, etwa von Crunchbase (2021). Da sind es sogar nur 2% aller Startups mit Seed-Finanzierung, die einen Exit hinlegen:

Quelle

Sobald wir also Investoren-Geld erhalten, sind wir unter Zugzwang, so schnell wie möglich zu wachsen. Schnelles Wachstum geht zu Lasten der Profitabilität. Wir «verbrennen» also Geld, in der Hoffnung, rechtzeitig weitere Investoren zu finden, bevor das Geld ausgeht.

Laut Studien geht das in 90% bis 98% aller Fälle schief! Statt aus eigener Kraft langsamer zu wachsen und nur das auszugeben, was wir verdienen, senken wir das Überlebensrisiko unserer Firma massiv.

Im Fall eines Scheiterns führt das zu sehr unschönen Folgen für unsere Mitarbeitenden und und unsere Kund:innen, die sich einen neuen Job suchen bzw. mühsam ihre Daten auf eine andere Software migrieren müssten.

Investoren reduzieren unternehmerische Freiheit

Ich persönlich habe nicht den einen Chef (Anstellung) hinter mir gelassen, nur um einen neuen Chef (Investoren) zu bekommen.

Ohne Investoren können wir so entscheiden, wie es fĂĽr unsere Mitarbeitenden und Kund:innen am besten ist – statt alles auf möglichst schnelles Wachstum auszurichten.

Wir wollen, dass unsere Mitarbeitenden deutlich mehr Ferien als der Schweizer Durchschnitt erhalten? Können wir machen.

Wir möchten alle unsere Kennzahlen wie Umsätze und Kosten veröffentlichen, um anderen Unternehmern als realistisches Vorbild zu dienen? Allein unsere Entscheidung.

Und vor allem entscheiden wir uns dafür, möglichst nicht mehr auszugeben, als wir einnehmen. Unser nächstes grosses Ziel ist das Erreichen der schwarzen Zahlen.

Das gibt langfristig mehr Sicherheit als die grösste Investitionsrunde. Ich habe lieber weniger Geld von vielen Kund:innen als viel Geld von wenigen Investor:innen.

Exits sind fast immer schlecht fĂĽr das Team und die Kund:innen

Ja, es gibt Fälle, in denen ein Exit (ein Verkauf) für alle Seiten Vorteile bringt: das Team bekommt einen spannenden neuen Arbeitgeber, die Kund:innen erhalten eine bessere Leistung und die Gründer einen Haufen Kohle.

Meistens ist das jedoch nicht so. Mitarbeitende kĂĽndigen frustriert, weil die Arbeitskultur unter der neuen Besitzer:in deutlich schlechter geworden ist – oder sie werden gekĂĽndigt.

Und Kund:innen bekommen einen Artikel über «unsere unglaubliche Reise» zu lesen, nur um anschliessend vor die Tür gesetzt zu werden:

Quelle
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Es gibt Hunderte weitere Beispiele dafĂĽr. Das ist Mist. Das will ich unserem Team und unseren Kund:innen nicht antun.

Fazit

Ich sage nicht, dass es generell falsch ist, mit Investoren zu arbeiten. Es sollte nur wohl ĂĽberlegt sein.

Ich wĂĽnsche mir, dass gerade auch jĂĽngere GrĂĽnder:innen erkennen, dass die Zusammenarbeit mit Investoren nicht der einzige Weg ist. Dass sie verstehen, dass es leider ein GlĂĽcksspiel mit sehr geringer Erfolgschance ist. Und dass sie sehen, dass es Alternativen gibt.

Eine Alternative ist das Wachsen aus eigener Kraft als «Bootstrapped Founder». Das ist der Weg, für den wir uns entschieden haben, um ein möglichst langlebiges Unternehmen aufzubauen.

Wir haben eine Exist-Strategie, keine Exit-Strategie.


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